„Für einen kurzen Moment hab ich gedacht, ich hätte Nessie gesehen!“ Meine Freundin C. versteht mein T-Shirt nicht. Es ist mein „Arrange your Composition intuitively my friend“-Shirt. Für mich war die Botschaft dieses Shirts immer klar: Non-Konformismus. Intuitives Handeln. Wagnis. Den eigenen Weg gehen. Meine Freundin C. sieht über dem Spruch auch kein schmuckes Einfamilienhaus, sondern Nessie. „I versteh den Spruch ned. Nullo!“, sagt sie mir. Am Englisch kann es nicht liegen, denn C. hat Anglistik studiert. Mh.

Bei dem besagten Shirt handelt es sich um das erste, das ich für das Blog-Projekt aus dem Schrank gezogen habe. Aus der Ecke der kaum benutzten Shirts. Aus der Ecke der Shirts, die ich nur aufhebe, weil sie gesteigerten ideellen Wert für mich besitzen. Ich will jedes Shirt dieser Ecke noch einmal tragen, schauen, wie es sich anfühlt damit unter Menschen zu gehen, und dann entscheiden, ob ich das Shirt behalte, oder nicht.

Ich will auch entscheiden wo ich es hingebe – und vielleicht hinterlasse ich dem Nachnutzer auch eine kleine Nachricht mit der Blog-Adresse, wer weiß?! Mich hätten zumindest die Vorgeschichten meiner Flohmarktfunde und Erbstücke oft rasend interessiert.

Ich muss sagen, das erste Shirt war gleich ein Glücksgriff. Eine Woge der Nostalgie hat mich gepackt, als ich es übergezogen habe. Es war einmal eines meiner Lieblingsshirts. Jetzt, nach zwei Geburten, halte ich kurz inne und frage mich, ob es schon immer so knapp gesessen hat, oder ob das nur eine Mischung aus häufigem Waschen, Still-Oberweite und seltsamen 2000-er Schnitt ist. „Ich glaube 2004 hat man alles so knapp getragen“, sage ich zu mir selbst. Und als ich an diesem perfekten Frühlingstag mit dem Shirt aus dem Haus gehe, fühle ich mich unverwundbar. Ich gehe wie eine Millionen-Euro-Frau über den Hof und bepacke das Auto mit den Tausend Taschen die eine Kleinfamilie für ein Wochenende bei Oma so braucht. Und ich fühle mich wie ein Cowboy. Ein Outlaw. Endlich im Auto mit den Kindern, höre ich „Ich bin ein bayerisches Cowgirl“ von Nicky, und weil`s so schön war noch gefühlt alles von EAV. Ich fühle mich so, wie Udo Lindenberg aussieht. Weise und ironisch.

Das Shirt bringt mich nach vorne.

Wagnis. Non-Konformismus. Nessie. Eigenheim. Und so weiter.

Als ich das Shirt geschenkt bekommen habe, 2004, habe ich gerade in Mexiko gewohnt. Ein halbes Jahr als Austauschstudentin. Das „Hurra-Endlich-Alkohol“-Feiern meiner gleichaltrigen US-Austauschkollegen wurde mir schnell zu fad. Immerhin hatte mir bereits mein Opa den Schnuller ins Bier getunkt, ab 14 gab es Radler zum Abendbrot und auch die Initiations-Vollräusche einer Jugendlichen aus der bayerischen Provinz hatte ich früh abgehandelt. Erste Alkohol-Feiern? Große Freiheit ohne Eltern? Ich bin durch damit!

Da habe ich mich eben im Auslandssemester nach Nebenbeschäftigungen umgesehen. Habe exzessiv Capoeira gemacht, Deutschunterricht gegeben und als Freiwillige am Cervantino-Festival als Vorortmanagerin für Gastkünstler gearbeitet. So kam es, dass ich Jazzgrößen, wie Winston Mankunku aus Südafrika aber auch das Schauspielhaus Hannover betreute.

Die Aufbauarbeiten des Schauspielhauses nahmen damals einige Tage in Anspruch, und obwohl mir inzwischen viel zu dem Stück damals entfallen ist, weiß ich noch, dass es im Teatro Principal teilweise hoch herging zwischen den mitgereisten deutschen Technikern und den Mexikanern vor Ort. Mexikanische Unpünktlichkeit war den Deutschen beispielsweise relativ schwierig zu vermitteln. Und die Mexikaner fanden es vollkommen kurios, dass die Deutschen sich wortgenau an Abmachungen, Pausen und Termine hielten. Ich war also nicht nur Übersetzerin, Vorortmanagerin und Guide – nein, ich war auch kulturelle Krücke – sprich, der Depp für Alles.

Mit dem Schauspielhaus zu arbeiten machte mir unglaublichen Spaß. Ich weiß noch, dass die Kontaktfrau des Goethe-Instituts vollkommen spaßbefreit war, dass ich aber sehr lustige, feuchtfröhliche Abende im besten Restaurant Guanajuatos mit den Maskenbildnern und anderen Mitarbeitern des Theaters hatte. Aus Hannover habe ich dann sogar ein „Deutschland-Überlebenspaket“ nach Mexiko bekommen. Von einem Maskenbildner mit dunklen Haaren, dessen Name mir leider entfallen ist., es könnte aber Ralf gewesen sein, oder Oliver. – Das war noch vor Facebook und Co., daher war ich unglaublich schludrig im Kontakthalten. Dabei waren sie so nett, diese Hannoveraner.

Als Abschiedsgeschenk gaben sie mir dieses Shirt. Eine der mitreisenden Frauen hatte es dabei (Sie könnte die Leitung des Jungen Theaters gewesen sein) und schenkte es mir praktisch aus ihrem eigenen Koffer. Ich war ziemlich gerührt und ich habe es so sehr geliebt. Ich glaube ich habe es als Preis dafür verstanden, was man mit 21 so alles wuppen kann. Zudem fand ich den vollkommen abwegigen Aufdruck immer toll. Ich bin also als Werbefläche des jungen Theaters Hannover herumgelaufen, von 2004 bis sicherlich 2010.

Dann kam das Shirt aus irgendeinem Grund auf den Stapel der Erinnerungsteile. Und da blieb es. Ich habe es vergessen, konnte es nicht wegwerfen. Es war einfach nur in diesem Stapel.

Und obwohl es zwei Löcher hat, da wo ich 2004 immer Buttons getragen habe, obwohl es so kurz ist, obwohl.. ach, nach dem erneuten Tragen muss ich sagen: ich liebe es noch immer. Und es ist jetzt wieder im „aktiv“ Stapel. Niemals kann ich es hergeben. Auch wenn Nessie darauf ist, oder gerade dann.

Es wird behalten.

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