Zack! Irgendwann schreibst du diese letzte Whats App, Nachricht oder Mail – und du weißt: Wenn jetzt nochmal zurückkommt, dass sie oder er ja „soooo gerne was machen“ würde, aber „leider keine Zeit“ hat, dann ist diese Freundschaft beendet.

Irgendwann ist es vorbei. Einer kann nicht über sein eigentliches Problem sprechen, Einer ist gelangweilt, Einer fühlt sich hintergangen, Einer hat andere Freunde, Einer hat wirklich keine Zeit mehr, Einer ist beleidigt, Einer mag nicht mehr telefonieren, Einer kann sich nicht erklären, Einer ist neidisch, Einer kapiert gar nix, Einer verdreht die Augen.

Die Freundschaft ist vorbei. Einfach so.

Dieses Shirt erinnert mich an so eine Freundschaft. Sie war vorbei. Nach gut acht Jahren war sie einfach ausgefreundet. Ein halbes Jahr habe ich Nachrichten bekommen, dass sie „keine Zeit“ hat, „was anderes vor“, „in Urlaub fährt“, aber „voll gerne was machen würde“.

Ich habe vom Ende dieser Freundschaft geträumt, mir Gedanken gemacht, mir die Schuld gegeben, mich gefragt, ob es daran lag, dass ich, als es auseinander brach, schwanger war. Ich habe mir überlegt, wie lange schon über mich gelästert wird, wie lange schon Augen verdreht werden und habe mich erinnert, dass die andere Freundin von ihr mich bei ihrem letzten Geburtstag ja nur genervt angeredet hat. Mir fielen die zunehmend kalten Schultern ein. Mir fiel ein, dass wir uns das letzte Mal getroffen haben, ich, sie und noch eine Freundin die gerade schwanger war, und sie einfach ging.

Vielleicht hatte sie eine Allergie gegen Schwangere, vielleicht auch nur die Nase voll von mir.

Das Shirt – viel zu kurz eigentlich – habe ich mit ihr gerne getragen, wir haben „Füchse“ von Absolute Beginner gehört und den Urheber des Shirts zum Flug nach Hawaii gefahren. Denn dort liegt Makena Beach. Und Makena ziert den Shirt-Rücken.

IMG_8329

Es war ein Shirt, das ich über bestimmt drei Jahre ständig in der Wäsche hatte. Tragen, waschen, tragen, waschen,… Es war sowas wie unsere Uniform. Eine, die irgendwann abgelegt wurde. Sie hat mich abgelegt, ich die Uniform.

Ich mag das Shirt prinzipiell gerne. Aber was soll ich lügen? Es erinnert mich nicht nur an diese Freundschaft, sondern auch an die ehemalige Mitbewohnerin mit der ich auf Sizilien war und superdick befreundet. Die sich nach einem Umzug nicht mehr bei mir gemeldet hat. Und wenn dann nach zirka fünf Mails von mir. Warum eigentlich? Es erinnert mich an alle vergangenen, verwischten, zerbrochenen Freundschaften. An die ungepflegten Freundschaften, die genauso ungenutzt in den Ecken meiner Erinnerung liegen, wie das Shirt in meinem Schrank.

Es erinnert mich an die, die ich immer noch so gerne mag, aber denen ich wohl zu blöd wurde, oder die sich nach Wegzug nicht mehr melden. An die, mit denen ich viel erlebt habe. An J. – den ich mit einer Kidnap-Aktion vor einem Schulrausschmiss bewahrt habe, an S. – mit der ich laut zu Bushido im Auto gerappt habe, an J. – mit der ich Tanzvideos in unserem Wohnzimmer aufgenommen habe, an D. – mit der ich einen gratis Haarschnitt in Amsterdam bekommen habe, an E. – mit dem ich leicht angetrunken durch die Galerien der Republik geschlendert bin, an J. – mit der ich die Sternenkrieger gegründet habe und an alle anderen.

Manchmal frage ich mich, ob es nicht besser wäre, man würde sich sagen, warum man sich nicht mehr gerne meldet. Wäre es nicht gut, man würde sich einen Brief schreiben: Freundschaft beendet? So würde sich keiner mehr Sorgen machen, warten, hoffen, denken, dass alles passt.

Wieviele von meinen verlorenen Freunden denken eigentlich, dass ich mich nicht mehr gemeldet habe?

Egal. Ich konzentriere mich auf das Jetzt und lasse sie sein. Freue mich über Nachrichten von Freunden, die ich kaum sehe, aus Orlando, München, Berlin. Ich flippe aus, wenn mich mein Freund C. aus Ismaning immer dann anruft, wenn es mir gerade saumies geht und rufe ihn zufällig dann an, wenn er nicht mehr weiterweiß. Ich bin sauglücklich, wenn mir die Kindergartenfreundin wieder schreibt, mit der ich jahrelang nicht mehr gesprochen habe. Und ich hoffe einfach, dass man sich immer zweimal trifft. Oder dreimal. Viermal. Fünfmal.

IMG_9508

Und vielleicht kommt so ja auch das Shirt mal wieder zurück. Oder stiftet eine Freundschaft. Bringt sie an den Start.

Als ich es das letzte Mal getragen habe, bin ich zu meiner Schwägerin gefahren. Ihre Eltern haben mich etwas irritiert angeschaut. Lag vielleicht auch an den Milchkotze-Flecken meines Sohnes, die sich im Schulterbereich ausgebreitet hatten.

Ich habe mich unwohl gefühlt. Mit dem Shirt und allem. Nach einer gründlichen Wäsche geht es an Flüchtlinge in Regensburg. Vielleicht bekomme ich ja mal Nachricht vom Shirt. Wie es ihm geht und so.

Wenigstens vom Shirt.

Kontakt

Kabarett, TV und weiteres Booking:
vc@agentur-zweigold.de

© Eva Karl Faltermeier 2020 | Impressum | Datenschutz
X