Irgendwann zur Jahrtausendwende gingen zwei Cousinen in München mit diesem Shirt auf Wohnungssuche. Wann genau das war, weiß ich leider nicht mehr. Ich weiß nicht, ob es war, bevor sie in einem Laden gewohnt haben, aus dem sie wieder ausziehen mussten, weil sie ihn nicht gewerblich nutzten.

Ich weiß nicht, ob es vor der Wohnung in Neuhausen war, in der ich nach einer Anti-Irakkriegs-Anti-Sicherheits-Konferenz-im-Bayerischen-Hof-Demo im Februar 2003 mal übernachtet habe. Es lag unglaublich viel Schnee und wir trafen abends dann im Wassermann in der Elvira-Straße zufällig auf amerikanische Männer-Models. Über die konnten wir nur lachen. Ausgiebig.

Sicher ist, dass meine Freundin Jana und ihre Cousine die Shirts vor der Zeit trugen, in der sie in der Siegesstraße in Schwabing wohnten. In dieser unverschämt großen Altbauwohnung mit Balkon und zwei Mitbewohnern. In dieser Wohnung in der unglaublich viele Z-Promis einer skripted Reality-Show ein- und ausgingen. Die Show war damals groß angesagt und alle 19-Jährigen-Neu-Starlets der Sendung sagten Dinge wie: „Ganz ganz großes Kino!“

Ich hasste ja damals München. Ich fuhr eigentlich nur wegen meiner Freundin Jana da hin. Ich mochte nicht, wie niemand Bayerisch reden konnte. Ich mochte nicht, wie sie mir erklärten, dass sie einmal in Regensburg waren und es da ja kaum gute Kneipen gäbe. Ich mochte nicht, wie sie sich Küsschen zur Begrüßung gaben und immer die neuesten Sachen trugen. Und ich saß da mit meinen Hippie-Fetzen.

Ich mochte nur Jana, ihren Espresso-Kannen-Kaffee, Ratschen, Balkongespräche und unsere Spontan-Urlaube. Obwohl Jana Teil dieser Münchner-Sache geworden war, mochte ich sie, weil ich irgendwie mit dem Herz schlecht loslassen kann, wenn ich jemanden mal mag. Und so ist es bis heute. Jana zog von München nach L.A. und San Francisco – wir machten unvergessliche Road Trips zusammen und sangen uns in diversen Autos und Zügen quer durch die Folk- und Soul-Landschaft. Schlager auch. Irgendwann später in diesem Blog werde ich noch von den jeweiligen Ausflügen erzählen.

Heute laufe ich erstmal mit dem Shirt durch Regensburg, die Provinzstadt mit den wenigen guten Kneipen. Und niemand reagiert. Vielleicht ist das auch der Vorteil von München, denke ich mir: Dass da einfach jeder irgendein Small-Talk-Thema sucht, und sei es das Wohnungssuche-Shirt. Ich würde ja sogar aktuell auch Wohnung oder Haus suchen. Fünf Zimmer. Aber niemand spricht mit mir über das Shirt. Ich trage es sogar zwei Tage hintereinander.

Nichts.

Ich beschließe es, es Jana zu schicken. Sie ist jetzt in San Francisco und unglücklich mit ihrer Wohnung. Wenn es dort jemand lesen kann, dann ist es vermutlich jemand aus Deutschland. Und wer weiß, was das bringt. Ich glaube, sie braucht es wieder zurück. Inklusive den 00er-Look. Wieder mal so ein schwarzes, kurzes Shirt.

Und München? Ich habe meinen Frieden geschlossen. Späte Liebe. Im Jahr 2008 habe ich festgestellt: Es gibt unglaublich nette Münchner. Es gibt auch Münchner, die wirklich noch Bayerisch reden. Vielleicht sogar so singen. Mit denen habe ich die IGF – die Interessensgemeinschaft gmiatliche Freizeit gegründet. Aber auch das ist ein Thema für einen anderen Beitrag.

Egal, was viele sagen: München ist eine gute Stadt. Mit einer guten Zukunft. Und kein Amok-Lauf wird das ändern. Vielleicht waren es auch nur verwöhnte Mittelstandskids, die ihre 15 Sekunden Fame hatten, die mir damals die Stadt madig gemacht haben. Und heute schreckt mich ein verzweifelter und verblendeter Unterklassen-Jugendlicher, der zum mehrfach Mörder wird, auch nicht ab. Ich mag die Stadt. Ich finde den Wiesn-Trachtenfasching lustig, den Aufmarsch der Z-Promis, die geschleckten hochnäsigen Jugendlichen und die Damen mit den Perlenohrringen in den Villenvororten.

Wir haben alle Erinnerungen in München und seien sie noch so klein. Und wir werden sie uns nicht nehmen lassen. Wir werden keine Angst haben, uns nicht wegducken, nicht selbst radikal werden. Daran will ich jetzt glauben. Ich habe zwei kleine Kinder. Sie sollen sich auch mal naiv mit T-Shirt eine Wohnung suchen. Ob in München, in Regensburg oder Honolulu. Und wenn ich daran nicht glauben könnte, würde ich verrückt werden.

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