Klar, natürlich bin ich wann immer es geht vor Netflix. Dabei liebe ich Dokus – wie “The True Cost”. Ich liebe Dokumentationen generell, aber die über Essen und Kleidung sind momentan meine Faves. Bei “The True Cost” hat sich kürzlich bestätigt, was ich mich schon lange frage: Wie kann es sein, dass in unserer Gesellschaft Trends immer schnelllebiger werden? Wer näht die Hüllen für unseren großen 5-Euro-Sale-Auftritt? Wie kann es sein, dass Menschen, die einen bestimmten Schal einen Tag ihres Lebens zu einer bestimmten Hose tragen, gefeiert werden, wie Helden?
Während Tausende von Menschen versuchen durch das Mittelmeer vor Krieg und Terror fliehen, ist es da noch zeitgemäß, dass wir Modebloggern die ersten Reihen der Fashion-Shows freihalten? Dass wir für jeden Partyabend ein günstiges Shirt “shoppen”, dass dann anschließend in den Tiefen des Schrankes verrottet? Ist “Shopping” wirklich ein Hobby? Eines, das uns bestimmt? Ist es tatsächlich so, dass Frauen sich über Jahrzehnte zur eigenen Karriere hin emanzipiert haben, nur um sich dann über Shopping, Schuhe und begehbare Kleiderschränke zu definieren?“Ich habe bestimmt 400 Paar Schuhe!” Ja, Glückwunsch! Und jetzt? Hast du auch ne Meinung?Und wenn wir jetzt ein – unter unmenschlichen Bedingungen in Indien genähtes – Shirt das wir für einen Abend erworben haben, wieder spenden – ist das nicht irgendwie irre? Warum haben wir es eigentlich gekauft? Weil Kylie Jenner auf einem Foto in der Instyle das Gleiche getragen hat, nur in teuer? Was machen wir denn jetzt damit? Verkaufen? Austragen, bis es zerfällt – also nach 3-5 Wäschen?Ich nehme will mich ja ungern aus der Geschichte rausnehmen. Ich bin ja genauso. Ich kenne alle Paketboten für meinen Postleitzahlbezirk mit Namen, weiß deren Eigenheiten und weiß sogar, wer von ihnen morgens immer eine Alkoholfahne hat. Ich bestelle unglaublich viel. Eine der drei Altpapiertonnen im Hof unseres Mietshauses ist eigentlich nur für meine Pakete reserviert.Warum zur Hölle kaufe ich so viel?Diamond Dash – Co-Founder of Roc-A-Fella & Rocawear – sagt in der Doku “Fresh dressed”, Kleidung wäre “just a status symbol based on insecurity”. Das hat mir nun auch wieder zu Denken gegeben. Ich kaufe tatsächlich, wenn ich genervt bin, was schief geht und wenn ich gelangweilt bin. Es geht auch so schnell. Und ich kaufe zwar hin und wieder bei fairen Labels wie “Armedangels” – aber halt eigentlich viel zu selten.Und wenn Diamond Dash das schon im Bezug auf die Hip-Hop-Kultur der 80er sagt, was ließe sich dann erst jetzt sagen, wo man einen Rechts-Wähler anhand der Kleidung nicht von einem Linken unterscheiden kann? In einer Zeit, in der Robin-Schulz-Fans die selben Uniformen von Primark tragen, wie Indie-Jünger.Kann es also sein, dass wir immer mehr kaufen, uns immer weniger über kulturelle Bewegungen, politische Einstellungen und Musik definieren, sondern immer mehr gleich ausschauen? Weil wir keinen Mut haben? Weil wir unsicher sind? Unsicherer als jede Generation vor uns? Weil wir keine Inhalte mehr haben? Nur noch Hülle? Weil wir in unsicheren Momenten sofort ein Smartphone zur Hand haben, mit dem wir jeden Zweifel einfach weg-“shoppen”?Weil wir einfach zu viel von allem haben? Weil wir es können? Wir können alles kaufen, Status genauso wie Schrott.Ich habe mir nun selbst auferlegt, vorerst noch ein Kleidungsstück kaufen zu dürfen, und mich anschließend erstmal mit dem Inhalt meines Schranks auseinanderzusetzen.Woran hängt Erinnerung? Was hebe ich warum auf? Was kann weg? Wo gebe ich es hin?Ich will mal nach drinnen schauen – wie unsicher bin ich. Was hängt an der Klamotte. Brauche ich mehr als drei Shirts? Das Weiße, das Schwarze und das Weiße mit den dunkelblauen Streifen?Der Blog ist also eine kleine Würdigung der Klamotten in meinem Schrank. Und ein Danke an das Leben das ich leben darf. Ein Leben, in dem ich mir so viel Mist kaufen kann, den ich gar nicht brauche. Ein Leben im Überfluss.

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