Mit zarten 15 in einem Dirndl aus den 70ern.

Like Mother like daughter

Die Unangepasstheit des Seins – Das steht sicher mal so ähnlich auf meinem Grabstein.

Schon als Kind begann meine Selbstbestimmung für mich in der Kleidung. Bereits mit fünf Jahren nervte ich meine Mama, mit mir die Stadt nach Petticoat-Unterröcken abzusuchen. Ich hatte einige Doris Day und Marilyn Filme gesehen, und wollte auch so toll aussehen, wie die beiden. Nachteil: Ich hatte braune kurze Haare und eine weiße Brille – und, nun ja – ich war fünf. Das hielt mich nicht ab, neben meinem Bruder, mit Kommunionkerze, mit meinem Petticoat und einer kleinen Clutch, so zu posen, als wäre ich Marilyn über dem Luftschacht. Immer noch ein Glanz, dieses Bild. Niemand hat gesagt: „Eva, es geht hier nicht um dich – das ist der Tag deines Bruders!“ Unsere Familie war immer schon cooler als das. Daher gibt es solche Fotos. Daher durfte jeder tragen, was er wollte. Man hat ja nur ein Leben.

Frei nach Oasis: I’m free to be whatever I… – Auch wenn es halt scheinbar gerade nicht passt.

Ich glaube durch diese Geschichten habe ich auch den Respekt vor Perfektion verloren. Es gibt nichts schlimmeres, traurigeres, als durchgestylte Leben. Dabei steht uns Scheitern – und dabei ist Ehrlichkeit entwaffnend. Manchmal ohne Umwege, manchmal graußam. Es gibt nichts Schöneres, als die Kreativität und das Fünf-Grade-Sein-Lassen. Daher sind die Bilder -mit Film aufgenommen- aus unserer Kindheit auch so gelungen und liebevoll. Und daher wirken so manche Leben auf Instagram so bemittleidenswert und erbärmlich – in ihrer Sucht nach Perfektion.

Ich liebe die authentischen Menschen, die die alles zeigen – chaotische Küchen, Trennungen, Herzschmerz, Ärger, Frust, Freude und echtes Leben. #Showimperfection

Und ich bemitleide Menschen, die für ein perfektes Foto fast alles tun würden. Also – ein perfektes Foto – von sich selbst. Dazu mache ich für Vorträge immer wieder Interviews und Selbstversuche. Ergebnis: es ist stressiger Mist. Glaub niemals einem Instagram-Account. Auch nicht meinem.

Seit ungefähr einem halben Jahr wurde ich nun kontinuierlich – zunächst subtil, später richtig massiv und unter der Gürtellinie von einer Braut belästigt. Die Braut hat ein Farbthema für ihre Hochzeit herausgegeben. „Man möge sich daran halten“ – so oder so ähnlich heißt es auf der Hochzeitseinladung. Kein Muss also. – hieß es zunächst. Aber schnell wurde es eben doch ein Muss – also ein gefühltes. Als ich die Einladung bekam, rief ist begeistert aus: „Ach, in den Farben habe ich drei Dirndl!“ – Jetzt muss man sagen: Ich war bereits auf sehr vielen Hochzeiten im Dirndl – darunter auf meiner eigenen und Hochzeiten im Ausland, normalen Hochzeiten, Trachtenhochzeiten. Ich besitze elf Dirndl. Von festlich, teuer bis Vintage ist alles vertreten und nur eine Kategorie gibt es nicht: Den billigen Flittchenfetzen. Jedes meiner Dirndl hat Stil. Meine Dirndlstiefel sind handgenähtes Leder.. und so weiter – whatever. Ich habe dazu Silber- und Goldschmuck, der mehrere Generationen alt ist, wenn ich ihn nicht verliere bzw. verloren habe.

Ich war bereits auf einem Empfang des Moskauer Bürgermeisters im Dirndl, auf in Las Vegas auf dem Strip habe ich im Dirndl Drinks aus einem Plastik-Cowboboot getrunken und ich bin im Dirndl Felsen in Santa Cruz runtergeklettert. Mit 15 war ich auf dem Volksfest die Einzige im Dirndl – und zwar in den alten meiner Mama.

Schon meine Mutter trug nämlich begeistert Dirndl – zum Beispiel bei ihrer kirchlichen Hochzeit. Und auch meine Tochter verlangt an ganz normalen Kindergartentagen, genauso wie an Festagen nach was? Genau: ihrem Dirndl.

Nur diese eine Dame, ist im punkto Dirndl eben eine Art gallisches Dorf. Sie versuchte es zunächst über Dritte, was ich größtenteils ignorierte. Dritte gießen ja gerne Öl in Feuer, heißt es. Ich sagte den Dritten: die Dirndl bleiben.

Amüsiert, genervt und – zugegebenermaßen auch mit der Faszination eines Unfalls habe ich mir ihre weiteren Versuche, mir ein anderes Kleid aufzudiktieren angesehen. Ich kann es nämlich schier nicht fassen. Wie kann eine solche Nebensächlichkeit, wie die Kleidung eines Gastes die Hochzeitsvorbereitungen dermaßen ins Wanken bringen? Gibt es sonst derzeit keine Themen? Ist Sommerloch? Ist das jetzt Langeweile? Kulturschock? Get a life!

Korigiert mich, aber mir war es bei der Planung meiner Hochzeit eher wichtig, dass es ein schöner Tag wird – den alle Gäste (ob sie nun im Abendkleid, Dirndl oder Jogger kommen) gleichermaßen genießen. Mein schönster Tag? Are you kidding me? Mein schönster Tag war immer der, wenn eines meiner Kinder geboren wurde. Meinen schönsten Tag hatte ich auch vorgestern, als wir einfach mal einen Tag nur draußen waren. Mein schönster Tag meine Hochzeit? Und dann? Hoch-Zeit? Kommt dann das down? Das kommt eh. Das ist praktisch gekauft. Daher konzentriert man sich als vernünftiger Mensch auch auf das Glück des Augenblicks.Ich habe viele schönste Tage, arbeite, bin Mutter – mir ist es nie in den Sinn gekommen, mich über meine Hochzeit in solch einem Maße zu definieren. Ein wenig tut man das ja immer. Aber so? Mein Verständnis – gleich NULL. Meine Antworten zu dem Thema: spärlich.

Ich habe mit einem Freund (einem praktizierenden Psychologen) über diesen leidigen Shit gesprochen, und er hat es mit Affen verglichen. Er hat gesagt: „Hier versucht ein rangniedrigerer Affe einen Kampf um den Rang des ranghöheren anzuzetteln!“ Charmant, mich einen ranghöheren Affen zu nennen – das fand ich süß. Man könnte ja auch sagen alt – aber gut. was sind schon sieben Jahre Altersunterschied? Mh – anscheinend eine Welt – genauso wie der clash of cultures. Auch die reine Einstellung, der Charakter – es ist einfach bei jedem alles anders. Und an dieser Stelle treffen zwei am meist ganz hervorragend komplett unterschiedliche Modelle aufeinander.

Der Moment mit dem Affenvergleich war einer, in dem ich in mich ging und mich gefragt habe: Will ich das? Möchte ich wie ein Affe kämpfen? Um einen Fetzen? Um Selbstbestimmung? Um Familienfrieden? Ums Recht? Ich habe natürlich erst mal alle Kommunikationstore geschlossen, weil ich nachgedacht habe und nicht weiter jeden zweiten Abend mit irgendwelchen Zeter-Arien belästigt werden wollte.

Worum es im Grunde geht? Es geht um die Fotos, die Inszenierung. Wenn doch irgendjemand auf einem Gruppenbild anders aussieht, dann… ja, dann was? Dann fallen wir alle tot um und der Hunger der Welt wird sich vervielfachen?

Alter, wirklich? Egal! Mir fehlt hier der Sinn.

Ich habe mich entschieden, der Feierei fernzubleiben. Und wir werden sehen, wie gut mir das tut. Whatever.

Am Ende gab es auf der Hochzeit wohl auch die ein oder andere Jeans. Whatever.

Der Post passt jetzt nicht richtig zum Thema des Blogs: Aber – meine Dirndl behalte ich. Alle elf. Und ich trage sie -und alles andere- exakt wann und wo ich will.

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