Zucht und Grant

Heute war bei uns der Kindergarten um Punkt 8.30 Uhr geschlossen. Punkt genau, weil Ordnung muss sein, ja wo kommer denn da hin, wenn ma da kulant waradn….?? Eine Mama, die ihr Kind bereits abgeliefert hatte, klatschte lautstark und wortgewaltig Beifall, weil immerhin bräuchte es ja wieder „Zucht und Ordnung“, weil anscheinend ist der Kindergarten eine vorgezogene Kadettenausbildung – vor allem für schludrige Zuspätkommer-Mamas.

Bisher gab es immer noch etwas Spielraum, den genau vier Mamas ausnutzten: Eine Französin, eine Mama mit Migrationshintergrund, die Mama mit den Zwillingen und ich – mit zwei Kindern. Weil zwei Kinder vielleicht auch etwas mehr aufhalten als ein Kind alleine. Kannt ja sa…

Ich war saugrantig. Auch, weil meine Kinder leider noch mit ihrem Brotzeitsackerln mit mir vor dem Kindergarten standen. Weil einfach jeden Morgen was ist – heute hatte mein Mann den zweiten Kindersitz in seinem Auto mitgenommen, also mussten wir uns von der Nachbarin fahren lassen – da war sie die Verspätung. Und die Ächtung vor der Kindergartentüre.

Ja, ich war grantig – auf meinen Mann, die ewig trödelnden Kinder, auf den Kindergarten und auf mich – weil mein Leben manchmal einfach grantig macht. Und ich verkündete lauthals ein sofortiges Abmelden meiner Kinder vom Kindergarten, falls mir jetzt die Türe nicht geöffnet würde. Mir wurde aufgetan – von einer Erzieherin, der es wohl sehr zwider war, weil sie war schnell wieder weg.

Vor der Türe sind wir zehn Minuten gestanden – vorher hatten wir nur zwei Minuten Verspätung. Und grantig bin ich noch immer. Ich frage mich seit 8.32 Uhr schon, ob ich in meinem Leben Zucht und Ordnung brauche, oder ob mir ein wenig Spielraum nicht besser gefällt. Weil, wo samma na?

Immerhin kommen manche Mamas ja zwanzig Minuten zu spät – könnte man sich denn nicht auf einen kulanten Ächtungszeitraum einigen? Wer zwischen 8.30 Uhr und 8:45 Uhr kommt, der darf von der Gruppe Mamas die vor der Türe steht und von den Erzieherinnen grantig angeschaut werden, darf aber seine Kinder abgeben?

Weil mit grantigen Blicken kann ich gut umgehen, seit ich das erste Mal in den Spiegel geschaut habe. Meine zwei Kinder in die Arbeit mitzunehmen wäre allerdings etwas schwieriger für mich.

Vielleicht werde ich das mal vorschlagen und morgen kommen wir gleich nochmal zu spät. Akkurat!

Wer mehr über die Kunst des Grants erfahren will, dem empfehle ich die BR-Doku von Thomas Grasberger und Norbert Harberger: „Zefix Halleluja – die Kunst des Grants!“ – Ich darf auch sprechen, sogar für die Oberpfalz…. dem Ort der pünktlich geschlossenen Kindergartentüren. Hier geht’s zum Film

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